
Die RMD-Methode ist eine Entnahmestrategie, die ihre Entnahmequote aus einer offiziellen Lebenserwartungstabelle ableitet, statt aus einer persönlichen Schätzung oder einer starren Prozentzahl. Wenn du die Grundlagen noch nicht kennst, starte am besten mit meinem Artikel „Entnahmeplan im Ruhestand: Was du wissen musst, bevor du anfängst“. In diesem Artikel erfährst du, wie sie funktioniert, was die Tabelle dahinter taugt und warum du sie in Deutschland nicht einfach 1:1 übernehmen solltest.
Was ist die RMD-Methode?
RMD steht für Required Minimum Distribution, also die gesetzlich vorgeschriebene Mindestentnahme. In den USA müssen Sparer ab einem bestimmten Alter jedes Jahr einen Mindestbetrag aus steuerbegünstigten Altersvorsorgekonten entnehmen. Wie hoch dieser Betrag ist, legt die Steuerbehörde IRS in einer Tabelle fest. Das Startalter wurde zuletzt angehoben und steigt nach aktueller US-Gesetzeslage später noch einmal.
Ursprünglich ist das also eine Steuerregel und keine Anlagestrategie. Weil die Tabelle aber so sauber aufgebaut ist, nutzen viele Privatanleger sie als Vorlage für die eigene Entnahmeplanung. Daher der Name.
So funktioniert die Berechnung
Die Formel ist denkbar einfach:
Entnahme = aktueller Depotwert ÷ Tabellenwert für dein Alter
Der Tabellenwert (Divisor) wird jedes Jahr kleiner. Dadurch steigt die Entnahmequote mit dem Alter automatisch an. Du machst jedes Jahr dasselbe: Depotwert zum Jahreswechsel nehmen, durch den Divisor teilen, fertig.
Die Quoten in der Tabelle (IRS Uniform Lifetime Table) sehen so aus:
RMD-Tabelle der IRS im Überblick
Ausgewählte Werte der Uniform Lifetime Table. Je höher das Alter, desto kleiner der Divisor und desto höher die Entnahmequote. Die letzte Spalte zeigt als Rechenbeispiel, was bei einem Depot von 500.000 € herauskäme.
↔ Tabelle wischen
| Alter | Divisor | Entnahmequote | Entnahme bei 500.000 € Depot |
| 73 | 26,5 | 3,77 % | 18.868 € |
| 75 | 24,6 | 4,07 % | 20.325 € |
| 80 | 20,2 | 4,95 % | 24.752 € |
| 85 | 16,0 | 6,25 % | 31.250 € |
| 90 | 12,2 | 8,20 % | 40.984 € |
| 95 | 8,9 | 11,24 % | 56.180 € |
| 100 | 6,4 | 15,63 % | 78.125 € |
Quelle: IRS Publication 590-B, Appendix B, Table III (Uniform Lifetime Table, gültig seit 2022), Stand Oktober 2026. Entnahmequote = 1 ÷ Divisor, eigene Berechnung, gerundet. Das Entnahmebeispiel ist ebenfalls eigene Berechnung vor Steuern. Eigene Darstellung. Keine Anlageberatung, Angaben ohne Gewähr.
Rechenbeispiel: Die Entnahme folgt dem Depot
Angenommen, du bist 80 Jahre alt, der Divisor liegt bei 20,2.
- Dein Depot ist 500.000 € wert: Entnahme 24.752 €
- Nach einem Crash ist es nur noch 350.000 € wert: Entnahme 17.327 €
Die Methode passt sich also direkt an den Depotwert an. Das ist ihre größte Stärke und gleichzeitig ihre größte Schwäche, dazu gleich mehr.
Warum die Methode das Depot rechnerisch nie leer macht
Du entnimmst immer nur einen Bruchteil dessen, was gerade im Depot liegt. Selbst bei einem Divisor von 6,4 bleiben noch gut 84 % des Kapitals stehen. Ein plötzliches Totalversagen wie bei einer starren Entnahme mit festem Eurobetrag ist damit ausgeschlossen. Das Sequenzrisiko wird nicht eliminiert, aber anders verteilt: Das Depot überlebt, dein Einkommen trägt die Schwankung.
Die Vorteile der RMD-Methode
- Einfach umzusetzen. Eine Tabelle, eine Division, kein Regelwerk wie bei Guyton-Klinger.
- Breite statistische Grundlage. Der Divisor stammt nicht aus einer Bauchentscheidung, sondern aus offiziellen Daten. Im Kern liegt der Tabelle eine gemeinsame Lebenserwartung mit einem deutlich jüngeren Partner zugrunde, was die Werte tendenziell vorsichtig macht.
- Das Depot passt sich dem Markt an. In guten Jahren darfst du mehr entnehmen, in schlechten automatisch weniger.
- Hohe Quote im hohen Alter. Wenn die Lebensjahre knapp werden, darfst du das Kapital stärker aufbrauchen.
Die Nachteile und die ehrliche Kritik
- Dein Einkommen schwankt voll mit dem Depot. Es gibt keine Glättung. Fällt dein Depot um 40 %, fällt auch deine Entnahme um 40 %. Vanguards Dynamic Spending Rule dämpft das mit Ober- und Untergrenzen, die RMD-Methode nicht.
- Die Tabelle ist amerikanisch. Sie basiert auf US-Daten und ist für US-Konten konzipiert, nicht für deutsche Lebensplanung.
- Es gibt keinen Tabellenwert für jüngere Entnehmer. Die Tabelle beginnt erst im Rentenalter. Für alle, die früher aufhören zu arbeiten, fehlen die Werte.
- Der Inflationsausgleich fehlt. Die Methode orientiert sich nur am Depotwert. Wer feste Fixkosten hat, die mit der Inflation steigen, kann in schwachen Marktphasen unter seinen realen Bedarf rutschen.
- Späte Jahre können mager werden. Die Quote steigt zwar, aber wenn das Depot über Jahrzehnte abgeschmolzen ist, bleibt in absoluten Zahlen oft wenig übrig. Wer deutlich älter wird als die Tabelle vorsieht, bekommt das zu spüren.
RMD-Methode in Deutschland: Was du anpassen musst
Hier liegt der Knackpunkt. Die Tabellenwerte sind für US-Verhältnisse gebaut. Wer sie für sich nutzen will, sollte sie durch aktuelle Sterbetafeln des Statistischen Bundesamts ersetzen. Die tatsächliche Lebenserwartung in Deutschland weicht von der in den USA ab, und das ändert die Divisoren.
Dabei lohnt sich ein ehrlicher Blick auf das, was dann passiert: Sobald du die Tabelle durch eigene Werte ersetzt, rechnest du im Kern wieder mit der 1/N-Regel. Du teilst dein Kapital durch die geplanten Restjahre. Der eigentliche Vorteil der RMD-Methode, die fertige, geprüfte Tabelle, ist dann weg. Übrig bleibt die Grundidee, und die ist universell.
Dazu kommt die Steuer. Wenn du Anteile aus dem Depot verkaufst, ist nur der enthaltene Gewinnanteil steuerpflichtig, nicht der gesamte Verkaufserlös. Wie viel am Ende netto bei dir ankommt, hängt von deinem Depot, dem ETF-Typ und deiner persönlichen Situation ab. Rechne die Entnahme deshalb immer brutto und plane die Steuer separat ein.
Für wen ist die RMD-Methode sinnvoll?
Die Methode passt zu dir, wenn du:
- die Schwankung deines Einkommens aushältst und notfalls Ausgaben anpassen kannst,
- eine einfache Regel ohne viele Zusatzbedingungen bevorzugst,
- bereits eine Basisabsicherung hast, zum Beispiel über die gesetzliche Rente.
Weniger geeignet ist sie, wenn deine Fixkosten hoch sind und du kaum Spielraum hast. Dann solltest du über eine Floor-and-Upside-Strategie nachdenken: Die Fixkosten werden über sichere Quellen gedeckt, und auf den Rest wendest du die RMD-Logik an. So triffst du die Schwankung nur dort, wo sie dir nicht wehtut.
Mein Fazit
Ich sehe die RMD-Methode nicht als eigenständige Gesamtlösung für deutsche Anleger, sondern als Baustein oder Plausibilitätscheck. Die Grundidee ist stark: Die Entnahmequote wächst mit dem Alter, und die Rechnung ist so einfach, dass du sie in einer Minute durchführen kannst. Mit der Originaltabelle aus den USA solltest du in Deutschland aber vorsichtig sein, und mit einer angepassten Tabelle landest du faktisch bei 1/N.
Wenn du weniger Schwankungen willst, schau dir die Vanguard Dynamic Spending Rule an. Wenn du maximale Flexibilität willst, ist Guyton-Klinger der spannendere Kandidat. Und wie immer gilt „die beste Strategie ist die, die du auch in einem echten Crash durchhältst“.
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Mein Weg zum Investieren begann nicht mit einem Börsenbuch – sondern mit Frust. Als ich anfing, die Empfehlungen meines Bankberaters zu hinterfragen, merkte ich: Es geht deutlich besser. Ich komme aus der Werkstatt, nicht aus dem Finanzumfeld – und ich weiß wie es ist, mit einem normalen Gehalt langfristig Vermögen aufzubauen. Hier teile ich was ich gelernt habe.
Keine Anlage- oder Steuerberatung. Keine Handlungsempfehlung. Alle Angaben nach bestem Wissen, ohne Gewähr. Das ist meine persönliche Meinung. Du triffst deine eigenen Entscheidungen. Kapitalanlagen bergen Risiken.
Quellen
Internal Revenue Service (IRS): Publication 590-B, Distributions from Individual Retirement Arrangements (IRAs), Appendix B, Table III (Uniform Lifetime Table), aktuelle Fassung, abgerufen im Oktober 2026.
SECURE 2.0 Act (2022), enthalten im Consolidated Appropriations Act, 2023 (Pub. L. 117-328), Regelungen zum Startalter der Pflichtentnahmen.
Statistisches Bundesamt (Destatis): Sterbetafeln, aktuelle Ausgabe.
Wie berechnet man die Entnahme bei der RMD-Methode?
Du teilst deinen Depotwert zum Jahreswechsel durch den Tabellenwert (Divisor) für dein Alter. Beispiel: Bei einem Depot von 500.000 € und einem Alter von 80 Jahren liegt der Divisor bei 20,2. Daraus ergibt sich eine Entnahme von rund 24.752 € für das Jahr. Im nächsten Jahr wiederholst du die Rechnung mit dem neuen Depotwert und dem neuen Divisor.
Kann ich die RMD-Methode in Deutschland nutzen?
Die Grundidee ja, die Originaltabelle nur mit Vorsicht. Die Werte der IRS basieren auf US-Daten und sind für amerikanische Altersvorsorgekonten gedacht. Wenn du sie für deine Planung in Deutschland nutzen willst, solltest du sie durch aktuelle Sterbetafeln des Statistischen Bundesamts ersetzen. Dann rechnest du im Kern aber nach der 1/N-Regel. Die RMD-Tabelle eignet sich deshalb eher als Orientierung oder Plausibilitätscheck als als fertige Komplettlösung.
Was ist der Unterschied zwischen der RMD-Methode und der 4%-Regel?
Bei der 4%-Regel entnimmst du im ersten Jahr 4 % deines Depots und erhöhst den Betrag danach jedes Jahr um die Inflation, unabhängig davon, wie sich das Depot entwickelt. Bei der RMD-Methode berechnest du die Entnahme jedes Jahr neu als Anteil des aktuellen Depotwerts, und dieser Anteil steigt mit dem Alter. Dein Einkommen schwankt dadurch mit dem Markt, das Depot wird aber nicht plötzlich leer.