
Die 4%-Regel, wahrscheinlich die bekannteste Zahl, wenn es um den Ruhestand geht. Du hast dein Leben lang gespart, investiert, auf Konsum verzichtet. Irgendwann willst du aufhören zu arbeiten, oder zumindest nicht mehr müssen. Und dann taucht sie auf, die eine Prozentzahl, die angeblich alles erklärt. Aber stimmt das wirklich? Kann eine einzige Zahl die Antwort auf eine der wichtigsten Fragen deines Lebens sein? Ja und nein. Lass mich erklären, warum.
Was steckt hinter der 4%-Regel
Die Regel geht auf die sogenannte Trinity-Studie zurück, 1998 von drei Professoren der Trinity University in Texas veröffentlicht, aufbauend auf einer früheren Analyse des Finanzplaners William Bengen von 1994. Die Kernaussage: Wer im ersten Jahr des Ruhestands 4% seines Startkapitals entnimmt, hat historisch gesehen über einen Zeitraum von 30 Jahren mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit nicht sein gesamtes Kapital aufgezehrt. Berechnet wurde das mit einem Portfolio aus 50% Aktien und 50% Anleihen.
Konkret bedeutet das: Bei einem Depot von 500.000 € entnimmst du im ersten Jahr 20.000 €, also rund 1.667 € im Monat. Was viele nicht wissen, das ist der entscheidende Mechanismus der Regel: In den Folgejahren bleibt es nicht bei diesen 4% vom dann aktuellen Depotwert. Stattdessen wird der Euro-Betrag von 20.000 € jedes Jahr nur an die Inflation angepasst, unabhängig davon, ob dein Depot gestiegen oder gefallen ist. Bei 2% Inflation sind das im zweiten Jahr 20.400 €, im dritten Jahr 20.808 €. So bleibt deine Kaufkraft über die Jahre konstant.
Das klingt simpel. Und das ist es auch. Was aber nicht bedeutet, dass es falsch ist.
Warum die Regel nach wie vor eine gute Orientierung ist
Die 4%-Regel gibt dir einen Anhaltspunkt, einen Startpunkt für die Frage: Wie viel Kapital brauche ich eigentlich? Ohne eine solche Faustformel würden die meisten Menschen entweder viel zu lange arbeiten oder viel zu früh aufhören. Sie basiert auf echten historischen Daten aus einem Zeitraum, der Weltkriege, Ölkrisen, Börsencrashs und Zinswenden einschließt. Das Depot hat es überlebt. Das ist nicht nichts.
Die 4%-Regel im Beispiel
| Grundlage | Trinity-Studie (1998), Bengen (1994) |
| Getestetes Portfolio | 50 % Aktien / 50 % Anleihen |
| Zeitraum | 30 Jahre |
| Anfangsentnahme | 4 % des Startkapitals |
| Folgejahre | Euro-Betrag wird jährlich an die Inflation angepasst |
Beispiel: 500.000 € Startkapital, 2 % Inflation
| Jahr 1 | 20.000 € |
| Jahr 2 | 20.400 € |
| Jahr 3 | 20.808 € |
| Jahr 4 | 21.224 € |
Der Euro-Betrag steigt unabhängig vom Depotwert, nur die Inflation entscheidet über die Anpassung.
Quelle: Cooley, Hubbard, Walz (1998), Bengen (1994). Angaben ohne Gewähr, keine Anlageberatung.
Nicht nur für den klassischen Ruhestand
Ein Punkt, der bei der 4%-Regel oft untergeht: Sie ist nicht an ein bestimmtes Alter gebunden. Die Regel sagt im Kern nur, wie viel Kapital du brauchst, damit eine bestimmte jährliche Entnahme über 30 Jahre trägt, unabhängig davon, ob du 35, 50 oder 65 bist. Genau das macht sie zum rechnerischen Fundament der FIRE-Bewegung (Financial Independence, Retire Early). Wer mit 40 aufhören will zu arbeiten, braucht nach derselben Logik dasselbe Kapital wie jemand, der mit 65 aufhört, das 25-fache seiner jährlichen Ausgaben.
Was dabei aber gerne übersehen wird: Je früher du aufhörst, desto länger muss dein Kapital tragen, und die Studien, auf denen die Regel basiert, wurden für einen Zeitraum von 30 Jahren berechnet. Hörst du mit 40 auf, sind das potenziell 50 oder 60 Jahre Entnahme, nicht 30. Die Erfolgswahrscheinlichkeit, die die Trinity-Studie für 30 Jahre ermittelt hat, lässt sich nicht einfach auf einen doppelt so langen Zeitraum übertragen.
Wer deutlich früher als in Rentennähe aufhören will, für den würde ich persönlich auf keinen Fall stur mit Kapitalerhalt planen. Sinnvoller sind aus meiner Sicht zwei Stellschrauben, am besten kombiniert: Erstens einen bewussten Kapitalverzehr einplanen, statt zu erwarten, dass das Depot nach 50 oder 60 Jahren Entnahme noch komplett intakt ist, das ist bei so langen Zeiträumen ohnehin unrealistisch, wenn man konservativ rechnet. Zweitens einen spürbar größeren Cash- und Anleihenpuffer als bei einem klassischen Renteneintritt, weil du dir mehr schlechte Marktphasen leisten musst, ohne ins Depot einzugreifen. Wer beides ignoriert und einfach stur die 25-fache Zahl aus dem Rechner nimmt, unterschätzt das Risiko bei einer sehr frühen Rente deutlich.
Wie viel das konkret für dich wäre, kannst du mit unserem FIRE-Rechner direkt durchrechnen.
Wo die Regel an ihre Grenzen stößt
Drei Punkte solltest du kennen.
Erstens, die Studie wurde mit einem US-amerikanischen Portfolio aus 50% Aktien und 50% Anleihen berechnet. Wer heute ein reines Dividendenportfolio oder einen globalen ETF hält, hat eine andere Ausgangslage.
Zweitens, 30 Jahre. Wer mit 60 aufhört zu arbeiten und 90 wird, braucht 30 Jahre. Wer mit 50 aufhört, braucht 40. Die Erfolgswahrscheinlichkeit sinkt, je länger der Zeitraum.
Drittens, und das ist der entscheidende Punkt, das Sequenzrisiko.
Das Sequenzrisiko
Stell dir vor, du gehst in Rente und im ersten Jahr deiner Entnahme bricht der Markt um 40% ein. Du entnimmst trotzdem deine 20.000 €, aber jetzt von einem deutlich kleineren Depot. Du verkaufst also mehr Anteile als geplant. Das Depot erholt sich zwar irgendwann, aber du hast zu tief geschnitten. Der Schaden ist dauerhaft.
Das nennt sich Sequence-of-Returns-Risiko, und es ist der Grund, warum die Reihenfolge der Renditen mindestens so wichtig ist wie die durchschnittliche Rendite selbst.
Die Lösung ist ehrlich gesagt unspektakulär: halte ein bis zwei Jahresausgaben als Cash-Puffer. Wenn der Markt einbricht, lebst du von deinem Puffer statt Anteile zu Tiefstkursen zu verkaufen. Du gibst dem Depot Zeit, sich zu erholen. Das ist alles. Aber es ist alles.
Dividenden als stabilerer Einkommensstrom
Hier kommt ein Aspekt ins Spiel, der in der klassischen 4%-Diskussion oft fehlt: Dividenden. Wer statt Kursgewinnen auf Ausschüttungen setzt, muss keine Anteile verkaufen. Das Einkommen kommt, unabhängig davon, ob der Kurs gerade oben oder unten steht.
Eine Untersuchung von Allianz Global Investors aus dem Jahr 2012 kam zu dem Ergebnis, dass Aktien von Unternehmen, die regelmäßig Dividenden ausschütten, weniger schwankungsanfällig sind als der Gesamtmarkt. Auch wenn die Studie inzwischen etwas älter ist, deckt sich das Grundmuster mit neueren Analysen. Ökonomen der Deutschen Bank fanden in einer Auswertung von 2003 bis 2023 zum MSCI World, dass Dividenden historisch stiegen und dabei deutlich weniger schwankten als die Aktienkurse selbst. Ihre Einschätzung dazu: Dividenden seien „überraschend stabil“, weil die Kursrendite vollständig den Marktbewegungen ausgeliefert sei, während Dividenden nach einem im Voraus festgelegten Plan ausgeschüttet würden.
Das bedeutet: Wer in der Entnahmephase überwiegend von Dividenden lebt, hat ein strukturell geringeres Sequenzrisiko. Kurseinbrüche treffen das Einkommen weniger direkt als bei einer reinen Entnahmestrategie. Das ist kein Freifahrtschein, auch Dividenden können gekürzt werden, das hat die Finanzkrise 2008 gezeigt. Aber als Ergänzung zur 4%-Regel ist eine solide Dividendenbasis ein echter Stabilitätsfaktor.
Was bedeutet das für dich konkret
Die 4%-Regel ist kein Mythos. Sie ist eine vernünftige Orientierung, nicht mehr und nicht weniger. Wer sie blind anwendet, ohne Puffer und ohne Flexibilität, geht ein unnötiges Risiko ein. Wer sie als Ausgangspunkt nimmt, einen Cash-Puffer von ein bis zwei Jahresausgaben hält und zusätzlich auf Dividenden als stabileren Einkommensstrom setzt, hat eine solide Grundlage.
Ich persönlich plane meine finanzielle Freiheit nicht allein auf der 4%-Regel. Dividenden sind ein zentraler Bestandteil, genau weil ich nicht jedes Jahr Anteile verkaufen will, wenn der Markt gerade im Keller ist. Die Zahl 4% hilft dir zu verstehen, wie viel Kapital du brauchst. Was du daraus machst, ist deine Entscheidung.
Die Grundlagen zu Sequenzrisiko und Langlebigkeitsrisiko findest du im Artikel „Entnahmeplan im Ruhestand„, einen Überblick über weitere Modelle im Artikel „Entnahmestrategien im Vergleich„.
Wenn du wissen willst, wie viel Depot du aufbauen musst, um finanziell frei zu sein, ich habe dafür einen kostenlosen Freiheits-Rechner gebaut. Trag deine monatlichen Ausgaben ein, und du siehst sofort dein persönliches Zielkapital, aufgeteilt nach 3%, 4% und 5% Entnahmerate. Keine Registrierung, kein Newsletter-Zwang.
Wer nach einer flexibleren Alternative zur starren 4%-Regel sucht, findet in den Artikeln „Guyton-Klinger-Regel erklärt“ und „Vanguard Dynamic Spending Rule“ zwei Modelle, die sich stärker an die tatsächliche Marktlage anpassen.
Wer eine dieser Strategien für sich umsetzen oder mit anderen Bausteinen kombinieren möchte: Auf ehrlich-investieren.de biete ich persönliche Strategiegespräche an.
Mein Weg zum Investieren begann nicht mit einem Börsenbuch – sondern mit Frust. Als ich anfing, die Empfehlungen meines Bankberaters zu hinterfragen, merkte ich: Es geht deutlich besser. Ich komme aus der Werkstatt, nicht aus dem Finanzumfeld – und ich weiß wie es ist, mit einem normalen Gehalt langfristig Vermögen aufzubauen. Hier teile ich was ich gelernt habe.
Keine Anlage-, Steuer- oder Rechtsberatung, keine Handlungsempfehlung. Kapitalanlagen bergen Risiken. Historische Studienergebnisse sind keine Garantie für die Zukunft. Gerade bei der Altersvorsorge empfehle ich, dir professionelle, individuelle Hilfe zu suchen, statt Entscheidungen allein auf Basis dieses Artikels zu treffen. Alle Angaben ohne Gewähr. Mehr dazu im Disclaimer.
Quellen:
Cooley, Philip L.; Hubbard, Carl M.; Walz, Daniel T., „Retirement Savings: Choosing a Withdrawal Rate That Is Sustainable“ (Trinity-Studie), AAII Journal, Februar 1998
Bengen, William P., „Determining Withdrawal Rates Using Historical Data“, Journal of Financial Planning, Oktober 1994
„Dividendenzahlungen machen rund 40 % der Wertsteigerung bei Aktien aus“, Allianz Global Investors, 2012, e-fundresearch.com, abgerufen am 30.09.2026
„Passives Einkommen an der Börse: Vorteile und Nachteile der Dividendenstrategie im Überblick“, Deutsche-Wirtschafts-Nachrichten, deutsche-wirtschafts-nachrichten.de, abgerufen am 30.09.2026
Was besagt die 4%-Regel?
Die 4%-Regel besagt, dass du im ersten Jahr deines Ruhestands 4% deines Startkapitals entnehmen kannst. In den Folgejahren wird nicht der Prozentsatz neu berechnet, sondern der Euro-Betrag jährlich an die Inflation angepasst, unabhängig vom aktuellen Depotwert. Bei 500.000 € Startkapital sind das im ersten Jahr 20.000 €, im zweiten Jahr bei 2% Inflation 20.400 €, und so weiter. Basis ist die Trinity-Studie von 1998, aufbauend auf einer früheren Analyse von William Bengen aus dem Jahr 1994.
Wie viel Geld brauche ich für die 4%-Regel?
Als grobe Faustformel gilt das 25-fache deiner jährlichen Ausgaben. Wer 24.000 € im Jahr braucht, benötigt demnach 600.000 € Startkapital. Wie viel das für deine persönliche Situation konkret wäre, kannst du mit unserem FIRE-Rechner durchrechnen.
Ist die 4%-Regel auch für FIRE geeignet, oder nur für den klassischen Ruhestand?
Die Regel ist nicht an ein bestimmtes Alter gebunden und bildet auch das rechnerische Fundament der FIRE-Bewegung. Wichtig dabei: Die zugrunde liegenden Studien wurden für einen Zeitraum von 30 Jahren berechnet. Wer deutlich früher als mit 65 aufhört, sollte entweder konservativer rechnen, etwa mit 3 bis 3,5% statt 4%, oder bewusst mit einem größeren Puffer und einem gewissen Kapitalverzehr planen, statt vollen Kapitalerhalt über 50 oder 60 Jahre zu erwarten.