Türkei steuerfrei für 20 Jahre. Das klingt nach Clickbait. Ist es aber nicht, zumindest nicht mehr seit Ende Mai 2026. Das türkische Parlament hat ein Steuergesetz verabschiedet das international für Aufsehen sorgt.

Ich war noch nie in der Türkei. Mein Bild davon ist bisher hauptsächlich durch deutsche Medienberichte geprägt, und das ist bekanntermaßen nicht immer das vollständige Bild. Vielleicht ist das sogar ein Grund hinzufahren und sich selbst ein Urteil zu bilden. Aber dazu später mehr.

Was das Gesetz konkret sagt

Am 24. April 2026 kündigte Präsident Erdogan im Rahmen des „Türkiye Century Strong Center for Investment Program“ ein weitreichendes Steuerpaket an. Ende Mai 2026 wurde es vom türkischen Parlament verabschiedet.

Der Kern: Wer in den letzten drei Jahren nicht steuerpflichtig in der Türkei war und seinen steuerlichen Wohnsitz in die Türkei verlegt, zahlt 20 Jahre lang null Prozent türkische Steuer auf ausländische Einkünfte. Das gilt für Dividenden, Kapitalgewinne, passive Einkünfte und Mieteinnahmen aus dem Ausland. Nur inländische türkische Einkünfte werden besteuert.

Das ist kein Graubereich, kein Trick, kein Offshore-Konstrukt. Das ist ein staatlich gewolltes territorial ausgerichtetes Steuersystem das gezielt internationales Kapital anziehen soll. Die Türkei positioniert sich damit explizit als Konkurrent zu Dubai, Singapur und Zypern.

Zusätzlich wurde eine einheitliche Erbschafts- und Schenkungssteuer von nur 1% eingeführt.

Warum die Türkei das macht

Die Türkei hat in den letzten Jahren mit hoher Inflation und Kapitalabflüssen zu kämpfen gehabt. Finanzminister Mehmet Simsek hat 2026 zum „Jahr der Reformen“ ausgerufen. Das Ziel ist klar: ausländisches Kapital und Fachkräfte ins Land holen, die Wirtschaft stabilisieren, internationale Investoren anziehen. Die Türkei hat bereits DBAs mit über 80 Ländern, darunter auch Deutschland seit 2011.

Ob die Strategie aufgeht ist eine andere Frage. Aber der politische Wille ist klar.

Was das für deutsche Anleger und Auswanderer bedeutet

Das gilt übrigens nicht nur für klassische Dividendeninvestoren. Gerade für Freiberufler, Selbstständige und Unternehmer die international aufgestellt sind und ihre Einkünfte nicht an einen festen Standort gebunden haben ist das Gesetz hochinteressant. Wer ohnehin ortsunabhängig arbeitet und plant seinen Lebensmittelpunkt zu verlagern, für den verschiebt sich die Rechnung noch deutlicher.

Auf dem Papier ist das Angebot attraktiv. Wer in Deutschland 26,375% Abgeltungssteuer auf Dividenden und Kursgewinne zahlt und seinen Wohnsitz in die Türkei verlegt, könnte diese Steuer auf null senken. Auf ein Depot von 500.000 Euro mit 4% Ausschüttung wären das rund 5.275 Euro pro Jahr, und das 20 Jahre lang.

Aber bevor irgendjemand jetzt Koffer packt, drei wichtige Punkte:

Erstens die Wegzugsbesteuerung aus Deutschland. Wer Deutschland verlässt und Kapitalgesellschaftsanteile hält kann eine Wegzugsteuer fällig bekommen als wäre alles verkauft worden. Das muss zwingend vor dem Umzug mit einem Steuerberater durchgespielt werden.

Zweitens bleibt die Quellensteuer. Die Türkei kann keine US-amerikanische oder deutsche Quellensteuer erlassen. Dividenden aus US-Aktien werden weiterhin an der Quelle in den USA besteuert, unabhängig von deinem Wohnsitz. Wie hoch das ausfällt hängt davon ab ob die Türkei mit dem jeweiligen Land ein DBA hat. Mit Deutschland besteht seit 2011 ein Abkommen, mit den USA dagegen keines. Was das konkret für Dividendenanleger bedeutet und warum die Quellensteuer oft der entscheidende Denkfehler beim Thema steuerfreies Auswandern ist, habe ich im Artikel „Steuerfreie Dividenden als Auswanderer“ ausführlich erklärt.

Drittens ist das Gesetz brandneu. Wie die Umsetzung in der Praxis aussieht, welche Substanzanforderungen wirklich gelten, wie streng der Wohnsitz geprüft wird, das wird sich erst in den nächsten Jahren zeigen.

Meine ehrliche Einschätzung

Ich würde jetzt nicht hals über kopf in die Türkei auswandern. Das Gesetz ist auf dem Papier interessant, aber es ist wenige Wochen alt. Steuergesetze können sich ändern, gerade wenn sie so aggressiv ausgestaltet sind wie dieses.

Dazu kommt: Ich kenne die Türkei nicht aus eigener Erfahrung. Mein bisheriges Bild kommt aus der deutschen Berichterstattung, und ich halte es grundsätzlich für sinnvoll sich ein eigenes Bild vor Ort zu machen bevor man große Entscheidungen trifft. Viele Menschen die dort leben berichten von einem Alltag der sich deutlich vom Medienbild unterscheidet.

Was ich aber sagen kann: Das Gesetz ist real und vom Parlament verabschiedet. Wer die Türkei ohnehin als Lebensort in Betracht zieht hat jetzt einen zusätzlichen steuerlichen Grund sich das ernsthaft anzusehen. Ich werde das Thema im Auge behalten und bei Gelegenheit selbst nachschauen.

Fazit

Das neue türkische Steuergesetz ist eines der aggressivsten Steuerangebote weltweit für Zuzügler. Ob die wirtschaftliche Entwicklung und die persönliche Lebensqualität dort ausreichen um einen echten Lebensmittelpunkt aufzubauen muss jeder für sich beurteilen.

Wenn dich das Thema Auswandern, Steuern und Leben im Ausland interessiert schau gerne hier vorbei.

Philipp Schilke
Philipp Schilke
Mechaniker · Finanzanlagefachmann (IHK) · Gründer Bullish TV

Mein Weg zum Investieren begann nicht mit einem Börsenbuch – sondern mit Frust. Als ich anfing, die Empfehlungen meines Bankberaters zu hinterfragen, merkte ich: Es geht deutlich besser. Ich komme aus der Werkstatt, nicht aus dem Finanzumfeld – und ich weiß wie es ist, mit einem normalen Gehalt langfristig Vermögen aufzubauen. Hier teile ich was ich gelernt habe.


Alles in diesem Artikel ist keine Steuerberatung sondern meine persönliche Meinung. Das Thema ist hochkomplex und brandaktuell. Steuergesetze können sich ändern, alle Angaben ohne Gewähr. Bitte konsultiere für deine individuelle Situation einen Steuerberater.

Quellen:
goodbyematrix.com/tuerkei-20-jahre-steuerfreiheit-auslandseinkommen
taxgate.com/tuerkei-steuerbefreiung-zuzuegler-wegzug-deutschland
turkeyhomes.com/de/blog/post/tax-free-turkey-20-years-reforms
roedl.com/insights/neues-dba-zwischen-deutschland-und-der-tuerkei-in-kraft

Was bedeutet das neue türkische Steuergesetz 2026 für Auswanderer?

Wer in den letzten drei Jahren nicht in der Türkei steuerpflichtig war und seinen Wohnsitz dorthin verlegt, zahlt 20 Jahre lang null Prozent türkische Steuer auf ausländische Einkünfte, Dividenden und Kapitalgewinne. Nur in der Türkei erzielte Einkünfte werden besteuert.

Gilt die Steuerfreiheit in der Türkei auch für Dividenden aus dem Ausland?

Ja, ausländische Dividenden fallen unter die Steuerbefreiung. Allerdings fällt im Land des Unternehmens trotzdem Quellensteuer an, die die Türkei nicht erlassen kann. Wie viel das ist hängt davon ab ob ein Doppelbesteuerungsabkommen zwischen der Türkei und dem jeweiligen Land besteht.

Hat die Türkei ein Doppelbesteuerungsabkommen mit Deutschland?

Ja, seit 2011 besteht ein neues DBA zwischen Deutschland und der Türkei. Mit den USA besteht dagegen kein Doppelbesteuerungsabkommen, was bei US-Aktien und ETFs steuerlich relevant ist.

Muss ich beim Wegzug aus Deutschland in die Türkei Steuern zahlen?

Möglicherweise ja. Wer Deutschland verlässt und z.B. Anteile an Kapitalgesellschaften hält kann der Wegzugsbesteuerung unterliegen. Dabei behandelt Deutschland den Wegzug wie einen fiktiven Verkauf aller Anteile. Das sollte zwingend vorher mit einem Steuerberater geklärt werden.

Für wen ist das türkische Steuergesetz besonders interessant?

Für Dividendeninvestoren, Freiberufler, Selbstständige und Unternehmer die ortsunabhängig arbeiten und ihren Lebensmittelpunkt ins Ausland verlagern wollen. Wer sein Einkommen nicht an einen festen Standort gebunden hat profitiert am stärksten.

Ist das türkische Steuergesetz sicher und dauerhaft?

Das Gesetz wurde vom türkischen Parlament verabschiedet und ist rechtsgültig. Wie sich die Umsetzung in der Praxis entwickelt und ob das Gesetz langfristig Bestand hat lässt sich zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht sagen. Steuergesetze können sich ändern, gerade bei so jungen Regelungen empfiehlt sich Abwarten und Beobachten.