
Nicht jeder muss sein Vermögen vererben. Nicht jeder will das. Wer im Ruhestand von seinem Depot leben möchte ohne sich um das Erbe zu kümmern hat eine einfachere Aufgabe – er muss nur sicherstellen dass das Geld nicht vor ihm ausgeht. Das ist der Kern des Entnahmeplans mit Kapitalverzehr.
Die Grundlagen zu Sequenzrisiko, Langlebigkeitsrisiko und Inflation findest du im Artikel Entnahmeplan im Ruhestand – was du wissen musst bevor du anfängst.
Was ist Kapitalverzehr und wie funktioniert er?
Beim Entnahmeplan mit Kapitalverzehr entnimmst du nicht nur die Erträge deines Depots sondern greifst auch auf das angesparte Kapital selbst zurück. Das Depot schrumpft planmäßig – durch Entnahmen, teilweise ausgeglichen durch Kursgewinne und Dividenden. Am Ende der geplanten Laufzeit ist das Kapital aufgebraucht.
Das klingt erst einmal beunruhigend. Ist es aber nicht zwingend. Es ist eine bewusste Entscheidung: Ich habe mein Leben lang gespart, jetzt darf das Geld arbeiten – für mich, in meinem Ruhestand, nicht für die Erbmasse.
Der große Vorteil: Du brauchst deutlich weniger Startkapital als beim Entnahmeplan ohne Kapitalverzehr. Wer 1.500 Euro monatlich braucht und 20 Jahre plant kommt je nach Rendite mit 300.000 bis 400.000 Euro aus. Ohne Kapitalverzehr bräuchte er das Doppelte.
Die wichtigsten Stellschrauben
Ein Entnahmeplan mit Kapitalverzehr hat fünf entscheidende Variablen:
Startkapital – wie viel habe ich zu Beginn der Entnahmephase. Monatliche Entnahme – wie viel brauche ich zum Leben. Laufzeit – wie lange soll das Geld reichen. Rendite – was erwirtschaftet das Depot weiterhin. Inflation – wie stark steigt mein Bedarf über die Jahre.
Diese fünf Faktoren bestimmen gemeinsam ob der Plan aufgeht oder nicht. Unser Entnahmeplan-Rechner → hilft dir alle fünf Variablen durchzuspielen und zu sehen wie sie sich gegenseitig beeinflussen.
Das Langlebigkeitsrisiko – der Hauptfeind des Kapitalverzehrs
Wer mit 65 anfängt und plant dass das Geld 20 Jahre reicht rechnet mit einem Lebensende mit 85. Was wenn er 92 wird? Das ist keine abstrakte Gefahr – Experten weisen darauf hin dass die Wahrscheinlichkeit deutlich älter zu werden als der statistische Durchschnitt bei rund 10% liegt.
Das bedeutet: Wer auf Kapitalverzehr setzt muss entweder einen großzügigen Puffer einplanen, die Laufzeit konservativ schätzen oder eine Kombination aus Kapitalverzehr und einer lebenslangen Einkommensquelle wie der gesetzlichen Rente oder Mieteinnahmen aufbauen.
Der Cash-Puffer – warum er unverzichtbar ist
Wer in der Entnahmephase voll auf Aktien-ETFs setzt und in einem Crashjahr zwingend verkaufen muss realisiert Verluste die das Depot dauerhaft schwächen. Das Sequenzrisiko ist in der Entnahmephase besonders gefährlich – ein starker Einbruch kurz nach Rentenbeginn kann den gesamten Plan destabilisieren.
Die Lösung ist ein Cash-Puffer von ein bis zwei Jahren Entnahme in Tagesgeld oder kurzlaufenden Anleihen. Bei 1.500 Euro monatlichem Bedarf sind das 18.000 bis 36.000 Euro die nicht in Aktien stecken sondern jederzeit verfügbar sind.
In schlechten Börsenjahren lebst du vom Puffer und lässt das Depot in Ruhe. In guten Jahren entnimmst du aus dem Depot und füllst den Puffer wieder auf. Dieser einfache Mechanismus entschärft das Sequenzrisiko erheblich ohne auf Rendite zu verzichten.
Was ist ein automatischer Auszahlplan beim Broker?
Manche Broker bieten einen automatischen Auszahlplan an. Das ist quasi das Gegenstück zum Sparplan: Statt jeden Monat einen festen Betrag einzuzahlen wird jeden Monat ein fester Betrag aus dem Depot verkauft und aufs Konto überwiesen. 1.500 Euro im Monat, automatisch, pünktlich – wie ein Gehalt.
Der psychologische Vorteil ist nicht zu unterschätzen. Wer jahrzehntelang ein monatliches Gehalt gewohnt war tut sich schwer damit selbst aktiv Anteile zu verkaufen – es fühlt sich falsch an Kapital anzutasten. Der automatische Auszahlplan nimmt diese Entscheidung ab und schafft die gewohnte Struktur eines regelmäßigen Einkommens.
Der Nachteil liegt auf der Hand: Der Automat verkauft jeden Monat – egal ob der Markt gerade gut oder schlecht steht. In einem Crashjahr werden Anteile zu niedrigen Kursen verkauft ohne Rücksicht auf die Marktlage. Genau hier greift der Cash-Puffer – wer ein bis zwei Jahre Entnahme in Tagesgeld hält kann den automatischen Plan in Crashphasen pausieren oder reduzieren und stattdessen vom Puffer leben.
Steuern beim Entnahmeplan nicht vergessen
Jeder Verkauf von ETF-Anteilen der Gewinne realisiert löst Abgeltungsteuer aus – 25% plus Solidaritätszuschlag auf den Gewinnanteil. Bei ETFs gilt die Teilfreistellung: 30% der Gewinne sind steuerfrei, effektiv zahlt man also auf 70% der realisierten Gewinne Steuern.
Konkret: Wer einen Anteil für 100 Euro gekauft hat und für 150 Euro verkauft hat einen Gewinn von 50 Euro. Davon sind 15 Euro steuerfrei (30% Teilfreistellung), auf 35 Euro fallen 25% Abgeltungsteuer an – also 8,75 Euro Steuer. Der Sparerpauschbetrag von 1.000 Euro pro Person gilt auch hier und sollte vollständig ausgeschöpft werden.
Das bedeutet: Die tatsächliche Netto-Entnahme ist etwas niedriger als der verkaufte Betrag. Wer 1.500 Euro netto braucht muss etwas mehr verkaufen um nach Steuern auf diesen Betrag zu kommen. Das sollte im Entnahmeplan eingerechnet sein.
Wer im Ausland lebt hat je nach Land andere steuerliche Regeln – mehr dazu im Artikel Auswandern als Rentner – was wirklich wichtig ist.
Verrentung als Alternative oder Ergänzung – und ihre versteckte Schwäche
Eine weitere Option ist die Verrentung – du gibst einen Teil oder das gesamte Kapital an eine Versicherung und bekommst dafür eine lebenslange monatliche Rente. Das löst das Langlebigkeitsrisiko vollständig: Egal wie alt du wirst, das Geld kommt.
Der Preis dafür ist hoch. Du verlierst die Kontrolle über das Kapital, die Flexibilität ist weg und die Rendite der Versicherung ist oft bescheiden. Außerdem profitieren deine Erben nicht mehr davon.
Aber es gibt noch eine versteckte Schwäche die kaum jemand bedenkt: Inflation. Eine Rentenversicherung zahlt in der Regel einen fixen monatlichen Betrag – heute, in zehn Jahren und in zwanzig Jahren denselben Betrag. Bei 3% Inflation halbiert sich die Kaufkraft dieses Betrags in 24 Jahren. Wer mit 65 eine monatliche Rente von 1.500 Euro vereinbart bekommt mit 89 zwar noch dieselben 1.500 Euro – kann sich davon aber real nur noch halb so viel leisten wie zu Beginn. Die Versicherung löst das Langlebigkeitsrisiko – schafft aber gleichzeitig ein massives Inflationsrisiko für alle die wirklich lange leben.
Eine sinnvolle Kombination kann sein: Einen Teil des Kapitals verrenten um ein sicheres Sockeleinkommen zu garantieren, den Rest selbst als Entnahmeplan mit ETFs zu verwalten. Das gibt Planbarkeit ohne vollständig auf Flexibilität und Inflationsschutz zu verzichten. Ob das für deine individuelle Situation sinnvoll ist sollte ein unabhängiger Experte prüfen.
Ein konkretes Rechenbeispiel
Startkapital: 400.000 Euro Monatliche Entnahme: 1.500 Euro Erwartete Rendite: 5% p.a. Inflation: 2% p.a.
Bei diesen Annahmen reicht das Kapital rund 28 Jahre – also bis zum 93. Lebensjahr wenn man mit 65 beginnt. Wer konservativer rechnet mit 3% Rendite kommt auf etwa 22 Jahre.
Das sind Modellrechnungen, keine Garantien. Märkte schwanken, Inflation ist unberechenbar, Gesundheitskosten steigen. Aber sie zeigen: Mit einem realistischen Startkapital und moderaten Entnahmen ist ein Entnahmeplan mit Kapitalverzehr für die meisten Menschen machbar.
Spiel deine eigenen Zahlen durch: Entnahmeplan-Rechner →
Vererben – aber wann?
Viele Menschen wollen ihren Kindern oder geliebten Menschen etwas hinterlassen. Das ist ein ehrenwerter Gedanke. Aber es lohnt sich eine Frage zu stellen die selten gestellt wird: In welchem Alter erben die meisten Menschen?
Oft sind es die 50er oder 60er Jahre. Ein Zeitpunkt an dem man selbst bereits gut etabliert ist, das Haus vielleicht abbezahlt, die Kinder aus dem Haus. Das Erbe kommt dann wenn man es am wenigsten braucht.
Wer seinen Liebsten wirklich helfen will könnte darüber nachdenken ob eine frühere Schenkung nicht sinnvoller wäre – wenn es finanziell möglich ist. Die Anzahlung für die erste Wohnung mit 30, Unterstützung bei der Firmengründung mit 35, ein Startkapital für den Enkel mit 18. Geld das dann ankommt wenn es wirklich einen Unterschied macht.
Und noch etwas: Wer zu Lebzeiten gibt kann selbst dabei sein. Kann sehen wie das Geld wirkt, was es ermöglicht, was es verändert. Das hat einen Wert den kein Testament ersetzen kann.
Das bedeutet nicht dass Vererben falsch ist. Es bedeutet nur dass es sich lohnt darüber nachzudenken wann und wie – nicht nur ob.
Die with Zero – ein Buch das das Denken verändert
Wer sich ernsthaft mit dem Thema Kapitalverzehr beschäftigt sollte das Buch Die with Zero* von Bill Perkins gelesen haben. Perkins stellt eine provokante These auf: Die meisten Menschen sparen zu viel und geben zu wenig aus – und sterben am Ende mit einem Vermögen das sie nie genossen haben.
Das klingt simpel. Ist es aber nicht. Perkins argumentiert dass Geld einen Verfallsdatum hat – nicht weil es wertlos wird, sondern weil die Fähigkeit es zu genießen mit dem Alter abnimmt. Ein Reise mit 70 ist nicht dasselbe wie mit 55. Erlebnisse die man mit 65 noch machen kann sind mit 80 vielleicht nicht mehr möglich. Wer zu lange wartet verschenkt Lebensqualität die er sich längst hätte leisten können.
Das bedeutet nicht blind alles ausgeben. Es bedeutet bewusst planen wann man was braucht – und das Kapital entsprechend einsetzen. Ein Entnahmeplan mit Kapitalverzehr ist in diesem Sinne keine Notlösung sondern eine bewusste Entscheidung für das eigene Leben.
Was als nächstes kommt
Wer das Kapital lieber erhalten will und von Erträgen leben möchte: Entnahmeplan ohne Kapitalverzehr – wie du von deinem Depot lebst ohne es aufzubrauchen
Wer einen strukturierten Drei-Topf-Ansatz sucht der beides kombiniert: Das 3-Töpfe-Modell – sicher durch die Entnahmephase
Für alle die tiefer einsteigen wollen: Auf ehrlich-investieren.de biete ich persönliche Strategiegespräche an.
Mein Weg zum Investieren begann nicht mit einem Börsenbuch – sondern mit Frust. Als ich anfing, die Empfehlungen meines Bankberaters zu hinterfragen, merkte ich: Es geht deutlich besser. Ich komme aus der Werkstatt, nicht aus dem Finanzumfeld – und ich weiß wie es ist, mit einem normalen Gehalt langfristig Vermögen aufzubauen. Hier teile ich was ich gelernt habe.
Alles in diesem Artikel ist meine persönliche Meinung und keine Anlageberatung. Bitte konsultiere für deine individuelle Situation einen Fachmann. Mit * gekennzeichnete Links sind Affiliate-Links. Wenn du über diese Links kaufst erhalte ich eine kleine Provision – für dich entstehen keine zusätzlichen Kosten.
finanztip.de – Entnahmeplan: So planst du deine Altersvorsorge finanztip.de/entnahmeplan/
justetf.com – Entnahmeplan mit ETFs: So funktioniert die Entsparphase justetf.com/de/news/etf/entnahmeplan-etf-entsparphase.html
scalable.capital – Entnahmeplan: automatisch entsparen scalable.capital/magazin/entnahmeplan/
deltavalue.de – Auszahlplan: Definition und Erklärung deltavalue.de/auszahlplan/
kommer-invest.de – Souverän Investieren vor und im Ruhestand kommer-invest.de
Was ist ein Entnahmeplan mit Kapitalverzehr?
Bei einem Entnahmeplan mit Kapitalverzehr entnimmst du nicht nur die Erträge deines Depots sondern greifst auch auf das angesparte Kapital selbst zurück. Das Depot schrumpft planmäßig bis es am Ende der geplanten Laufzeit aufgebraucht ist. Der große Vorteil: Du brauchst deutlich weniger Startkapital als beim Entnahmeplan ohne Kapitalverzehr. Der größte Risikofaktor ist das Langlebigkeitsrisiko – das Geld darf nicht vor dir ausgehen.
Wie lange reicht mein Geld beim Entnahmeplan mit Kapitalverzehr?
Das hängt von fünf Faktoren ab: Startkapital, monatliche Entnahme, erwartete Rendite, Laufzeit und Inflation. Als Beispiel: 400.000 Euro Startkapital, 1.500 Euro monatliche Entnahme, 5% Rendite und 2% Inflation – das Kapital reicht rund 28 Jahre. Unser Entnahmeplan-Rechner hilft dir deine individuelle Situation durchzurechnen.
Was ist ein Auszahlplan?
Ein Auszahlplan ist die automatisierte Form des Entnahmeplans. Manche Broker bieten diesen Service an – das Gegenstück zum Sparplan. Statt jeden Monat Geld einzuzahlen wird automatisch ein fester Betrag aus dem Depot verkauft und aufs Konto überwiesen. Der Vorteil ist die psychologische Planbarkeit wie ein monatliches Gehalt. Der Nachteil: Der Automat verkauft jeden Monat unabhängig davon ob der Markt gerade gut oder schlecht steht. Ein Cash-Puffer von ein bis zwei Jahren Entnahme entschärft dieses Problem.
Was ist der Unterschied zwischen Entnahmeplan und Verrentung?
Beim Entnahmeplan behältst du die Kontrolle über dein Kapital und entnimmst selbst – mit oder ohne Automatismus. Bei der Verrentung gibst du das Kapital an eine Versicherung ab und bekommst dafür eine lebenslange monatliche Rente. Die Verrentung löst das Langlebigkeitsrisiko – das Geld kommt egal wie alt du wirst. Dafür verlierst du Flexibilität, Kontrolle und das Kapital selbst. Dazu kommt eine versteckte Schwäche: Bei fixer monatlicher Rente frisst die Inflation über 20-30 Jahre massiv an der Kaufkraft.
Was bedeutet Verrentung von Kapital?
Verrentung bedeutet dass du ein vorhandenes Kapital – zum Beispiel aus einem Depot oder einer Lebensversicherung – in eine lebenslange monatliche Rente umwandelst. Die Versicherung berechnet anhand deines Alters und des eingezahlten Kapitals wie viel du monatlich bekommst. Der große Nachteil: Der monatliche Betrag ist in der Regel fix – Inflation mindert die Kaufkraft über die Jahre erheblich. Wer mit 65 eine Rente von 1.500 Euro vereinbart kann sich davon mit 89 real nur noch etwa halb so viel leisten.
Wie funktioniert ein Verrentungsrechner?
Ein Verrentungsrechner zeigt dir wie viel monatliche Rente du aus einem bestimmten Kapital bekommst – abhängig von deinem Alter, Geschlecht und dem eingezahlten Betrag. Umgekehrt kannst du damit berechnen wie viel Kapital du brauchst um eine bestimmte monatliche Rente zu erhalten. Wichtig: Vergleiche immer auch die Gesamtrendite der Verrentung mit einem selbst verwalteten Entnahmeplan – die Kosten der Versicherung schmälern die Rendite oft erheblich.
Was ist ein Kapitalentnahme-Rechner?
Ein Kapitalentnahme-Rechner – auch Entnahmeplan-Rechner genannt – zeigt dir wie lange dein Kapital bei einer bestimmten monatlichen Entnahme reicht. Du gibst Startkapital, Entnahmebetrag, erwartete Rendite und optional Inflation ein. Das Ergebnis zeigt ob und wann das Kapital aufgebraucht ist. Unseren kostenlosen Rechner findest du hier: bewusst-investieren.de/tools-rechner/
Welchen Cash-Puffer brauche ich beim Entnahmeplan?
Ein Cash-Puffer von ein bis zwei Jahren Entnahme in Tagesgeld oder kurzlaufenden Anleihen schützt vor dem Sequenzrisiko. Bei 1.500 Euro monatlichem Bedarf sind das 18.000 bis 36.000 Euro die nicht in Aktien stecken sondern jederzeit verfügbar sind. In Crashjahren lebst du vom Puffer statt Anteile zu niedrigen Kursen zu verkaufen – in guten Jahren füllst du ihn wieder auf.