
Der Traum vieler Anleger: Im Ruhestand von den Erträgen des Depots leben – ohne das Kapital selbst anzutasten. Das Vermögen bleibt erhalten, die Kinder erben etwas, und man schläft ruhiger weil man weiß dass das Depot nicht schrumpft. Klingt gut. Ist aber anspruchsvoller als es auf den ersten Blick aussieht.
Dieser Artikel zeigt die drei realen Wege wie ein Entnahmeplan ohne Kapitalverzehr funktionieren kann – und was die Vor- und Nachteile jedes Ansatzes sind. Die Grundlagen wie Sequenzrisiko, Langlebigkeitsrisiko und Inflation findest du im Artikel Entnahmeplan im Ruhestand – was du wissen musst bevor du anfängst.
Was bedeutet „ohne Kapitalverzehr“ wirklich?
Ohne Kapitalverzehr bedeutet: Du lebst von den Erträgen deines Depots – Dividenden, Ausschüttungen, Kursgewinne – ohne das ursprüngliche Kapital selbst zu verbrauchen. Im Idealfall wächst das Depot sogar weiter und schützt so gegen Inflation.
Das klingt nach der perfekten Lösung. Aber es hat einen klaren Haken: Du brauchst deutlich mehr Kapital als beim Entnahmeplan mit Kapitalverzehr. Wer 2.000 Euro monatlich braucht und nur von einer Dividendenrendite von 3% leben will braucht rund 800.000 Euro. Wer Kapitalverzehr akzeptiert kommt mit weniger aus.
Es gibt keine Garantie. Auch ein Entnahmeplan ohne Kapitalverzehr kann schiefgehen – wenn Dividenden gekürzt werden, Kurse dauerhaft fallen oder die Inflation die Erträge auffrisst. Die Unterscheidung zwischen „mit“ und „ohne“ Kapitalverzehr ist eine Planung, keine Versicherung.
Methode 1: Dividendenstrategie
Die intuitivste Methode: Du investierst in Aktien, ETFs oder Fonds die regelmäßig Dividenden ausschütten und lebst von diesen Ausschüttungen. Das Kapital bleibt investiert, die Dividenden fließen – monatlich, quartalsweise oder jährlich je nach Produkt.
Der große Vorteil der Dividendenstrategie liegt in der relativen Planbarkeit. Dividenden sind historisch stabiler als Aktienkurse. Unternehmen glätten ihre Ausschüttungen bewusst – sie erhöhen Dividenden lieber langsam und senken sie nur wenn es wirklich nicht anders geht. Dividendenkontinuität ist für viele Unternehmen eine Frage der Reputation. Dividendenaristokraten – Unternehmen die ihre Dividende 25 Jahre oder länger ununterbrochen gesteigert haben – sind das beste Beispiel dafür.
Das bedeutet: Auch wenn der Aktienkurs eines Unternehmens in einem Crashjahr 30% fällt zahlt es oft weiterhin dieselbe oder sogar eine höhere Dividende. Der Cashflow bleibt stabiler als das Depot-Vermögen.
Aber – und das ist wichtig – keine Garantie. Dividenden können gekürzt oder gestrichen werden. RWE und E.ON sind das klassische deutsche Beispiel: Jahrelang zuverlässige Dividendenzahler, dann drastische Kürzungen wegen der Energiewende. Wer sein gesamtes Einkommen auf wenige Dividendenzahler konzentriert geht ein echtes Risiko ein.
Breite Diversifikation ist deshalb entscheidend. Wer über einen Dividenden-ETF mit 100 oder mehr Positionen aus verschiedenen Ländern und Sektoren investiert ist deutlich besser abgesichert als wer auf fünf Einzelaktien setzt. Kürzungen einzelner Unternehmen fallen kaum ins Gewicht wenn hundert andere weiter zahlen.
Methode 2: ETF-Anteilsverkäufe
Die zweite Methode funktioniert anders: Du verkaufst regelmäßig ETF-Anteile um deinen Lebensunterhalt zu finanzieren. Das funktioniert bei thesaurierenden ETFs genauso wie bei ausschüttenden – im Notfall verkaufst du einfach Anteile statt auf Ausschüttungen zu warten.
Der Vorteil: Du hast volle Kontrolle über den Zeitpunkt und die Höhe der Entnahme. Du kannst in guten Börsenjahren mehr entnehmen, in schlechten weniger – oder umgekehrt aus einem Liquiditätspuffer leben und in Crashjahren gar nichts verkaufen.
Die 4%-Regel ist hier die bekannteste Orientierung: Entnimm jährlich nicht mehr als 4% des Portfoliowerts. Bei 500.000 Euro wären das 20.000 Euro im Jahr – also rund 1.666 Euro monatlich. Historisch hat diese Entnahmerate über 30 Jahre in den meisten Marktszenarien funktioniert ohne das Kapital vollständig aufzubrauchen. Mehr dazu im Artikel Die 4%-Regel.
Der Haken: Es erfordert Disziplin. Wer in einem Crashjahr trotzdem Anteile verkauft weil er Geld braucht realisiert Verluste die das Depot dauerhaft schwächen. Das Sequenzrisiko schlägt hier besonders zu. Ein Liquiditätspuffer von ein bis zwei Jahren Entnahme in Tagesgeld entschärft das Problem erheblich – in schlechten Jahren lebt man vom Puffer, in guten füllt man ihn wieder auf.
Steuerlich hat diese Methode einen Vorteil gegenüber der reinen Dividendenstrategie: Du bestimmst selbst wann du Gewinne realisierst und kannst den Sparerpauschbetrag gezielt ausnutzen. Bei Dividenden fließt die Steuer automatisch.
Methode 3: Mieteinnahmen
Wer Immobilien besitzt hat eine dritte Einkommensquelle die vollständig unabhängig vom Kapitalmarkt ist. Monatliche Mieteinnahmen sind planbar, steigen mit der Inflation und hängen nicht davon ab ob der DAX gerade gut oder schlecht läuft.
Das macht Mieteinnahmen zu einem wertvollen Diversifikationsbaustein. Wer 1.000 Euro monatliche Mieteinnahmen hat braucht aus dem Depot nur noch 1.000 Euro – das halbiert den Druck auf das Depot und reduziert das Sequenzrisiko erheblich.
Die Nachteile sind aber real: Klumpenrisiko durch Konzentration auf wenige oder eine einzige Immobilie, Verwaltungsaufwand, Mietausfälle, Instandhaltungskosten und vor allem Illiquidität. Eine Immobilie kann man nicht zur Hälfte verkaufen wenn man kurzfristig Geld braucht.
Wer bereits Immobilien besitzt sollte sie als Einkommensquelle in die Entnahmeplanung einbeziehen. Wer noch keine hat sollte sehr genau prüfen ob der Aufwand und das Klumpenrisiko im Ruhestand noch gewollt sind.
Die Kombination – was in der Praxis funktioniert
In der Praxis nutzen die wenigsten Menschen nur eine einzige Methode. Eine Kombination ist oft sinnvoller:
Gesetzliche Rente als Sockeleinkommen – auch wenn sie nicht ausreicht, sie ist planbar und lebenslang. Dividenden und Ausschüttungen aus einem breit diversifizierten ETF-Portfolio als Haupteinkommensquelle. Gezielte Anteilsverkäufe in guten Börsenjahren um den Puffer aufzufüllen oder größere Ausgaben zu finanzieren. Mieteinnahmen falls vorhanden als weiterer Stabilisator.
Anleihen und Tagesgeld nicht als Haupteinkommensquelle sondern als Liquiditätspuffer – ein bis zwei Jahre Entnahme in sicheren Anlagen schützt gegen das Sequenzrisiko ohne auf Rendite zu verzichten.
Wie viel Kapital brauche ich für diesen Ansatz?
Das hängt stark von der gewählten Methode ab. Als grobe Orientierung:
Wer ausschließlich von Dividenden leben will bei einer Rendite von 3% braucht das 400-fache seiner monatlichen Entnahme als Kapital. Bei 2.000 Euro monatlich sind das 800.000 Euro.
Wer die 4%-Regel anwendet braucht das 300-fache – bei 2.000 Euro monatlich rund 600.000 Euro.
Wer Mieteinnahmen hat kann den Kapitalbedarf entsprechend reduzieren.
Unser Entnahmeplan-Rechner → hilft dir das für deine individuelle Situation konkret durchzurechnen.
Fazit
Ein Entnahmeplan ohne Kapitalverzehr ist der elegantere aber anspruchsvollere Weg in den Ruhestand. Er erfordert mehr Startkapital, mehr Disziplin und eine durchdachte Strategie. Dafür schläfst du ruhiger weil das Depot nicht planmäßig schrumpft.
Die drei echten Methoden sind Dividenden, ETF-Anteilsverkäufe und Mieteinnahmen – alles andere ist Ergänzung und Diversifikation. Wer alle drei kombiniert hat das stabilste Setup.
Wer tiefer einsteigen will und verstehen möchte wie man konkret mit Kapitalverzehr plant: Entnahmeplan mit Kapitalverzehr – wie lange reicht dein Geld
Wer einen strukturierten Drei-Topf-Ansatz sucht: Das 3-Töpfe-Modell – sicher durch die Entnahmephase
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Mein Weg zum Investieren begann nicht mit einem Börsenbuch – sondern mit Frust. Als ich anfing, die Empfehlungen meines Bankberaters zu hinterfragen, merkte ich: Es geht deutlich besser. Ich komme aus der Werkstatt, nicht aus dem Finanzumfeld – und ich weiß wie es ist, mit einem normalen Gehalt langfristig Vermögen aufzubauen. Hier teile ich was ich gelernt habe.
Alles in diesem Artikel ist meine persönliche Meinung und keine Anlageberatung. Bitte konsultiere für deine individuelle Situation einen Fachmann. Alle Angaben sind ohne Gewähr.
deltavalue.de – Dividendenkontinuität: Definition und Erklärung deltavalue.de/dividendenkontinuitaet/
boerse.de – Dividendenkontinuität boerse.de/boersenlexikon/Dividendenkontinuitaet
wikipedia.org – Dividendenkontinuität de.wikipedia.org/wiki/Dividendenkontinuit%C3%A4t
finanztip.de – Entnahmeplan und 4%-Regel finanztip.de/entnahmeplan/
Was ist ein Entnahmeplan ohne Kapitalverzehr?
Bei einem Entnahmeplan ohne Kapitalverzehr lebst du ausschließlich von den Erträgen deines Depots – Dividenden, Ausschüttungen oder Kursgewinne – ohne das ursprüngliche Kapital selbst anzutasten. Das Vermögen bleibt erhalten und kann sogar weiter wachsen. Dafür brauchst du deutlich mehr Startkapital als beim Entnahmeplan mit Kapitalverzehr.
Wie viel Kapital brauche ich für einen Entnahmeplan ohne Kapitalverzehr?
Das hängt von der gewählten Methode ab. Wer ausschließlich von Dividenden bei einer Rendite von 3% leben will braucht das 400-fache seiner monatlichen Entnahme – bei 2.000 Euro monatlich sind das 800.000 Euro. Wer die 4%-Regel anwendet und auch Anteilsverkäufe einkalkuliert kommt mit dem 300-fachen aus – also rund 600.000 Euro. Unser Entnahmeplan-Rechner hilft dir das individuell durchzurechnen.
Sind Dividenden wirklich stabiler als Aktienkurse?
Historisch ja – Unternehmen glätten ihre Dividenden bewusst und kürzen sie nur wenn es wirklich nicht anders geht. Dividendenkontinuität ist für viele etablierte Unternehmen eine Frage der Reputation. Dividendenaristokraten haben ihre Ausschüttungen 25 Jahre oder länger ununterbrochen gesteigert. Aber keine Garantie: Dividenden können gekürzt oder gestrichen werden wie RWE und E.ON gezeigt haben. Breite Diversifikation über einen Dividenden-ETF mit vielen Positionen reduziert dieses Risiko erheblich.
Was ist der Unterschied zwischen Dividendenstrategie und ETF-Anteilsverkäufen?
Bei der Dividendenstrategie lebst du von den automatisch fließenden Ausschüttungen – du musst nichts aktiv verkaufen. Bei ETF-Anteilsverkäufen verkaufst du regelmäßig Anteile um deinen Lebensunterhalt zu finanzieren. Das funktioniert bei thesaurierenden und ausschüttenden ETFs. Der Vorteil der Anteilsverkäufe liegt in der steuerlichen Flexibilität – du bestimmst selbst wann du Gewinne realisierst und kannst den Sparerpauschbetrag gezielt nutzen.
Was ist die 4%-Regel beim Entnahmeplan?
Die 4%-Regel besagt dass du jährlich nicht mehr als 4% deines Portfoliowerts entnehmen solltest um das Kapital langfristig zu erhalten. Bei 500.000 Euro wären das 20.000 Euro im Jahr – rund 1.666 Euro monatlich. Historisch hat diese Entnahmerate über 30 Jahre in den meisten Marktszenarien funktioniert ohne das Kapital vollständig aufzubrauchen. Sie ist eine Orientierung keine Garantie – Inflation, Sequenzrisiko und persönliche Lebenserwartung spielen eine wichtige Rolle.
Lohnen sich Mieteinnahmen als Teil des Entnahmeplans?
Mieteinnahmen sind ein wertvoller Diversifikationsbaustein weil sie unabhängig vom Kapitalmarkt fließen und mit der Inflation steigen. Wer bereits Immobilien besitzt sollte sie in die Entnahmeplanung einbeziehen. Wer noch keine hat sollte sorgfältig abwägen ob Klumpenrisiko, Verwaltungsaufwand und Illiquidität im Ruhestand noch gewollt sind. Eine Immobilie kann man nicht zur Hälfte verkaufen wenn man kurzfristig Geld braucht.
Kann ich auch im Ruhestand noch thesaurierende ETFs halten?
Ja – thesaurierende ETFs sind auch in der Entnahmephase sinnvoll. Du verkaufst einfach regelmäßig Anteile um deinen Bedarf zu decken. Das gibt dir volle Kontrolle über den Zeitpunkt der Gewinnrealisierung und damit über deine Steuerlast. In Jahren mit niedrigem sonstigen Einkommen kannst du mehr Anteile verkaufen um den Sparerpauschbetrag auszuschöpfen – in Jahren mit hohem Einkommen weniger.