Ich bin seit sechs Wochen wieder in Deutschland. Der Job ist gut, die Kollegen sind gut, die Konditionen sind gut. Und trotzdem stimmt irgendetwas nicht.

Aber von vorne.

Silvester über den Wolken

Am 31. Dezember 2025, kurz vor Mitternacht, saß ich im Flieger von Amsterdam nach Hanoi. Aus dem Flugzeug konnte ich durch das Fenster Feuerwerk sehen. Kein schlechter Start ins neue Jahr.

Wie jedes Jahr bin ich dem grauen Januar in meiner Region entkommen. Nicht nur des Wetters wegen, auch um wieder in Länder reinzuspüren die für mich als potenzielle Auswanderungsziele auf der Liste stehen. Hanoi im Winter war dann aber auch keine Offenbarung. Nachts teils 10 bis 12 Grad, bedeckt, ungemütlich. Zwei Tage später habe ich einen Flug nach Da Nang gebucht.

Aus geplanten zwei Monaten wurden vier. Der Grund war der Iran-Konflikt, der die Lage zeitweise so unübersichtlich machte dass eine Rückreise schlicht nicht planbar war. Dazu habe ich einen eigenen Artikel geschrieben. Was ich hier festhalten will ist etwas anderes: Diese extra Zeit war ein Geschenk.

Eine Reise die mehr war als eine Reise

Fast vier Monate Vietnam, zwei Wochen in Indien auf der Hochzeit meines Bruders, vier Tage Bangkok auf einem Visarun, und am Ende noch ein paar ungeplante Tage in Paraguay. Den Daueraufenthalt dort habe ich seit 2019, und wer den nicht alle drei Jahre durch eine Einreise bestätigt riskiert ihn zu verlieren. Also noch schnell rein bevor es nach Hause geht.

Indien war eine Überraschung. Ich hatte nie den Drang dorthin zu reisen und hatte mir ehrlich gesagt mehr Chaos vorgestellt. Goa ist natürlich eine touristische Bubble, das hat wenig mit Delhi oder dem „echten“ Indien zu tun. Aber es war angenehmer als erwartet.

Was mich dort wirklich beschäftigt hat war eine bestimmte Art von Menschen. Menschen die nicht mehr fragen ob sie sich das leisten können, sondern ob sie das überhaupt noch wollen. Ich bin da rausgegangen und habe mich selbst gefragt: für wen renne ich eigentlich? Die Antwort kenne ich. Aber die Frage stellen ist trotzdem wichtig.

Ich habe auf dieser Reise jemanden kennengelernt. Was das langfristig bedeutet weiß ich noch nicht. Aber es bedeutet dass Südamerika plötzlich nicht mehr die einzige Antwort ist. Pläne die jahrelang klar waren sind auf einmal offen.

Der Blog, die Zeit, das Geschenk

Diesen Blog hier zu starten war schon seit Jahren mein Ziel. Und seit Jahren habe ich es vor mir hergeschoben. Keine Zeit, immer was dazwischen, immer ein Grund warum es noch nicht der richtige Moment ist.

Die vier ungeplanten Monate haben mir genau diese Zeit gegeben. Ich habe Videos produziert, Artikel geschrieben, bewusst-investieren.de aufgebaut. Was ich ohne den Konflikt vielleicht noch ein weiteres Jahr aufgeschoben hätte ist jetzt live. Manchmal braucht es einen unfreiwilligen Arschtritt.

Zurück im Job. Und irgendwie woanders.

Seit dem 1. Mai arbeite ich wieder, im gleichen Job bei der gleichen Firma wie zuvor. Und das ist keine schlechte Firma. Abwechslungsreiche Aufgaben, gute Bezahlung, Kollegen mit denen ich mich wirklich gut verstehe. In meinem Bereich kommt es nicht auf die Minute an sondern darauf keine Fehler zu machen die im Nachgang teuer werden. Ich hatte ihnen immer offen gesagt dass mein Ziel ist auszuwandern. Trotzdem scheinen sie mich fest einzuplanen.

Aber der Vibe ist nicht mehr derselbe.

Zuvor war ich ehrlich beeindruckt vom Betriebsklima. Kein Stress, kein Druck, alle freundlich. Das ist im Kern noch so. Aber die Firma kämpft, wie so viele deutsche Firmen gerade. Und das überträgt sich. Die Stimmung ist gedrückter, irgendwie schwerer. Nicht dramatisch, aber spürbar.

Und das ist nicht nur im Betrieb so. Deutschland fühlt sich anders an. Die Stimmung ist selbst für unsere Verhältnisse schlecht. Deutschland gehört nicht mehr wie selbstverständlich zur Weltspitze und das scheint viele zu verunsichern. Ich hatte dieses Gefühl nach fast einem Jahr in Neuseeland nicht. Diesmal ist es anders.

Habe ich mich verändert? Hat sich das Umfeld verändert? Wahrscheinlich beides.

Das One-more-year-Syndrom

Ich leide seit Jahren daran und habe es erst auf dieser Reise klar benennen können.

Finanziell wäre der Schritt ins Ausland machbar. Meine Investitionen laufen, die Sparpläne laufen auch auf Reisen weiter, das ist für mich selbstverständlich. Aber an dieses Geld will ich nicht ran, es existiert in meinem Kopf schlicht nicht, es ist meine Altersvorsorge. Was ich brauche ist kein bestimmtes Kapital, ich brauche ortsunabhängiges Einkommen aus verschiedenen Quellen. Das ist im Aufbau, aber noch nicht ausreichend.

Also noch ein Jahr. Immer noch ein Jahr.

Der Schritt ist beängstigend. Freunde und Familie nur noch selten sehen. Bei null anfangen. Das deutsche Sicherheitsnetz hinter sich lassen. Deutschland ist bequem. Das ist das Problem.

Aber ich glaube dass es in der heutigen Zeit wichtiger ist flexibel zu bleiben als auf Sicherheit zu setzen. Die Welt dreht sich schneller als je zuvor. Wer nicht flexibel ist verliert, ob als Unternehmen, als Land oder als Mensch. Bequem und sicher sind nicht mehr dasselbe wie früher. Zumindest kommt mir das so vor.

Was jetzt kommt

Für dieses Wochenende habe ich mir vorgenommen einen Flug zu buchen. Kein Rückflug diesmal. Ich bleibe so lange wie es sich richtig anfühlt.

Diese Reise hat mir gezeigt dass ich solide aufgestellt bin, dass ich flexibel bin, dass ich auch in einer Krise funktioniere. Sie hat mir aber auch gezeigt dass ich aufhören muss zu warten bis alles perfekt ist. Perfekt wird es nie sein.

Manchmal braucht man vier Monate auf der anderen Seite der Welt um das zu verstehen.

Philipp Schilke
Philipp Schilke
Mechaniker · Finanzanlagefachmann (IHK) · Gründer Bullish TV

Mein Weg zum Investieren begann nicht mit einem Börsenbuch – sondern mit Frust. Als ich anfing, die Empfehlungen meines Bankberaters zu hinterfragen, merkte ich: Es geht deutlich besser. Ich komme aus der Werkstatt, nicht aus dem Finanzumfeld – und ich weiß wie es ist, mit einem normalen Gehalt langfristig Vermögen aufzubauen. Hier teile ich was ich gelernt habe.