
Nachhaltiges Investieren klingt gut. Die Idee dahinter ist es auch. Mit dem eigenen Geld Unternehmen fördern die verantwortungsvoll wirtschaften, den Planeten schonen und fair mit ihren Mitarbeitern umgehen. Wer könnte dagegen sein?
Das Problem ist nicht die Idee. Das Problem ist die Umsetzung. Und da gibt es einiges zu sagen.
Dieser Artikel ist kein Angriff auf Menschen die nachhaltig investieren wollen. Ganz im Gegenteil: Wer das ernsthaft verfolgen will verdient ehrliche Informationen statt Marketing-Prosa. Deshalb schauen wir uns das Thema ungeschönt an, benennen die Probleme, und zeigen am Ende den ETF der auf diesem Gebiet noch am ehesten hält was er verspricht.
Was ESG überhaupt bedeutet
ESG steht für Environment, Social und Governance, auf Deutsch Umwelt, Soziales und Unternehmensführung. Es ist kein einfaches Ja oder Nein, kein Stempel der ein Unternehmen nachhaltig oder nicht nachhaltig macht, sondern ein Bewertungssystem das Unternehmen anhand von Hunderten Einzelkriterien benotet.
Das klingt nach einem soliden Ansatz. Ist es theoretisch auch. Aber hier fängt das erste Problem an: Es gibt keine einheitliche Definition. Jede Ratingagentur, MSCI, Sustainalytics, ISS, Bloomberg, kocht ihr eigenes Süppchen. Studien zeigen dass die Korrelation zwischen verschiedenen ESG-Ratings für dasselbe Unternehmen bei gerade einmal 0,60 liegt. Ein Unternehmen kann bei MSCI als nachhaltig eingestuft sein und bei Sustainalytics nicht. Beide nutzen unterschiedliche Methoden, beide haben plausible Argumente für ihre Bewertung.
Schwächstes Label. Nur die schlimmsten Ausreißer werden ausgeschlossen. Kaum Unterschied zum normalen Index.
Breiter Ansatz ohne einheitliche Definition. Jeder Anbieter interpretiert es anders. Kann ExxonMobil oder Saudi Aramco enthalten.
Socially Responsible Investing. Nur die besten 25% pro Branche kommen rein. Ganze Branchen wie Öl, Tabak oder Glücksspiel werden ausgeschlossen.
Paris-Aligned Benchmark. CO₂-Reduktion gegenüber dem Vergleichsindex ist vorgeschrieben. Muss EU-Klimaziele erfüllen.
Bewirbt ökologische oder soziale Merkmale. Keine Pflicht zu nachhaltigen Investitionen. Häufigste Kategorie am Markt.
Strengster Standard. Nachhaltige Investitionen werden aktiv angestrebt. Kaum noch verfügbar da viele Anbieter auf Artikel 8 downgegraded haben.
Angaben ohne Gewähr. Die Klassifizierung dient der Orientierung und ersetzt keine eigene Prüfung.
Greenwashing: Die unbequeme Wahrheit
Der ehemalige Nachhaltigkeitschef von BlackRock, Tariq Fancy, hat ESG-Produkte öffentlich als Placebo bezeichnet. Ein Mann der von innen gesehen hat wie diese Produkte gebaut werden.
Sein Argument: Wer nachhaltig investieren will bewirkt damit in der Praxis kaum etwas. Die Aktien von Öl- und Rüstungsunternehmen werden nicht weniger wert weil Privatanleger sie meiden. Andere kaufen sie. Das Kapital fließt trotzdem.
Dazu kommt das strukturelle Problem: Manche ESG-ETFs enthalten Unternehmen wie ExxonMobil oder Saudi Aramco weil diese in den Kategorien Governance oder Soziales gut bewertet werden. Das Etikett nachhaltig klebt drauf, der Inhalt widerspricht dem gesunden Menschenverstand.
Die EU hat versucht mit der SFDR-Regulierung Ordnung zu bringen. Das Ergebnis sind drei Kategorien: Artikel 6 ohne Nachhaltigkeitsanspruch, Artikel 8 die ökologische oder soziale Merkmale bewerben, Artikel 9 die nachhaltige Investitionen als Ziel haben. Aber selbst diese Kategorien werden unterschiedlich interpretiert und ausgenutzt.
Wenige ETFs nehmen das ernst
Es gibt über 1.500 ESG-ETFs in Europa. Die meisten davon sind ESG-Screened Produkte die kaum anders sind als ihre konventionellen Pendants. Ein paar Rüstungsunternehmen rausgefiltert, fertig, ESG-Label drauf.
Wer wirklich streng filtern will muss nach SRI suchen, Socially Responsible Investing, und noch besser nach PAB, Paris-Aligned Benchmark. Das sind die wenigen Standards die tatsächlich zählen. Und selbst dort gibt es erhebliche Unterschiede in der Umsetzung.
Der ETF der noch am ehesten überzeugt
Nach meiner Recherche ist der Amundi MSCI World SRI Climate Net Zero Ambition PAB UCITS ETF (ISIN: IE000Y77LGG9, WKN: ETF143) aktuell das Produkt das auf diesem Gebiet noch am ehesten hält was es verspricht.
| ISIN | IE000Y77LGG9 |
| WKN | ETF143 |
| TER | 0,18% p.a. |
| Ausschüttung | Thesaurierend |
| Fondsvolumen | 3,57 Mrd. Euro |
| Positionen | 260 |
| Länder | 25 |
| CO₂-Fußabdruck | 29,49 vs. 81,22 (Vergleichsindex) |
| Kategorie | Artikel 8 (SFDR) |
Daten: divvydiary.com, Zugriff: 24.07.2026. Angaben ohne Gewähr. Keine Anlageberatung.
Was wirklich gefiltert wird:
Der ETF schließt konsequent aus: Atomkraft, Atomwaffen, Tabak, Alkohol, Glücksspiel, konventionelle Waffen, zivile Schusswaffen, Öl & Gas, Kraftwerkskohle, fossile Brennstoffreserven und Erwachsenenunterhaltung. Dazu kommt ein Best-in-Class Ansatz: Nur die besten Unternehmen pro Branche kommen in den Index. Das Anlageuniversum wird um mindestens 20% reduziert.
Das Ergebnis ist messbar: Der CO2-Fußabdruck liegt bei 29,49 Tonnen CO2-Äquivalent pro Million Euro Investitionen, gegenüber 81,22 beim Vergleichsindex. Das ist eine Reduktion von fast 64%.
Die Zusammensetzung:
260 Holdings statt über 1.200 beim normalen MSCI World. Das klingt nach weniger Diversifikation, aber man muss es einordnen: Was bringt dir beim ACWI IMI mit über 4.000 Positionen eine Gewichtung von 0,01% in Einzeltitel? Bestenfalls ein Nice-to-have, praktisch kaum relevant.
Was auffällt ist dass der ETF anders als ein normaler MSCI World auch Schwellenländer enthält. China, Polen, Brasilien, Hongkong sind vertreten. Das ist ein Punkt der gefällt, denn viele ESG-ETFs konzentrieren sich rein auf entwickelte Märkte.
Was mich trotzdem kritisch stimmt
Fast 40% Technologie ist eine sehr hohe Konzentration. Bei nur 260 Positionen zeigt das wie stark einzelne Techwerte alles andere outperformed haben und damit das Portfolio dominieren. Das ist kein reines ESG-Problem, dasselbe passiert beim normalen MSCI World, aber es bleibt ein Risiko das man kennen sollte. Wer das dämpfen will sollte den ETF kombinieren, zum Beispiel mit einem Dividenden-ETF oder einem Value-lastigen Produkt.
Die Performance ist das ehrlichste Argument gegen ESG-ETFs: Auf fünf Jahre liegt dieser ETF bei knapp 55% Plus, ein normaler MSCI World bei knapp 75%. Das ist ein signifikanter Unterschied. Natürlich hängt das von der Marktphase ab, und Tech-lastige Unternehmen die im normalen MSCI World stärker vertreten sind haben in den letzten Jahren alles dominiert. Aber wer sich einschränkt lässt Rendite auf der Strecke. Das ist eine ehrliche Aussage die man kennen muss bevor man kauft.
Und dann ist da noch dieser Satz im Basisinformationsblatt: „Mit diesem Finanzprodukt werden ökologische oder soziale Merkmale beworben, aber keine nachhaltigen Investitionen angestrebt.“ Das klingt paradox. Es ist die EU-Pflichtformulierung für Artikel 8 Fonds. Artikel 9, also Fonds die nachhaltige Investitionen aktiv anstreben, gibt es kaum noch seitdem die Regulierung verschärft wurde, weil viele Anbieter lieber auf Artikel 8 downgegraded haben als den höheren Anforderungen gerecht zu werden. Dieser Satz ist zu einem guten Teil juristische Absicherung, kein Geständnis.
Mein Fazit
Wenn mir nachhaltige Geldanlage wirklich wichtig wäre würde ich diesen ETF wählen. Die Verwaltungsgebühren von 0,18% sind fair. Die Ausschlüsse sind streng. Der CO2-Fußabdruck ist deutlich reduziert. Und er ist das Beste was auf diesem Gebiet aktuell für Privatanleger verfügbar ist.
Aber ich würde dabei nicht vergessen: Es ist immer noch ein Kompromiss. Keine Investition in einen Fonds verändert die Welt direkt. Was sie verändert ist das eigene Gewissen. Ob das der richtige Grund ist zu investieren muss jeder selbst entscheiden.
Bewusst investieren bedeutet für mich etwas anderes als ESG investieren, was ich im Artikel Bewusst investieren erkläre. Aber wer ESG ernst nimmt und nicht auf Greenwashing hereinfallen will, ist mit diesem ETF besser aufgestellt als mit den meisten anderen Produkten in diesem Segment.
Mein Weg zum Investieren begann nicht mit einem Börsenbuch – sondern mit Frust. Als ich anfing, die Empfehlungen meines Bankberaters zu hinterfragen, merkte ich: Es geht deutlich besser. Ich komme aus der Werkstatt, nicht aus dem Finanzumfeld – und ich weiß wie es ist, mit einem normalen Gehalt langfristig Vermögen aufzubauen. Hier teile ich was ich gelernt habe.
Keine Anlage- oder Steuerberatung. Keine Handlungsempfehlung. Alle Angaben nach bestem Wissen, ohne Gewähr. Das ist meine persönliche Meinung. Daten vom 24.07.26.
Quellen:
extraetf.com/de/etf-profile/IE000Y77LGG9
roboadvisor.one/blog/esg-etf-test-erfahrungen-2026
etf.capital/nachhaltige-etfs-vergleich
finanztip.de/indexfonds-etf/nachhaltige-geldanlagen
divvydiary.com
Was bedeutet ESG bei der Geldanlage?
ESG steht für Environment, Social und Governance, auf Deutsch Umwelt, Soziales und Unternehmensführung. Es ist ein Bewertungssystem das Unternehmen anhand von Kriterien in diesen drei Bereichen benotet. ESG-ETFs investieren dann bevorzugt in Unternehmen mit hohen ESG-Bewertungen oder schließen bestimmte Branchen aus. Das Problem: Es gibt keine einheitliche Definition, jede Ratingagentur bewertet anders.
Was ist Greenwashing bei ETFs?
Greenwashing bedeutet dass ein Finanzprodukt Nachhaltigkeit bewirbt ohne sie wirklich umzusetzen. Viele ESG-ETFs schließen kaum Unternehmen aus und ähneln stark ihrem konventionellen Vergleichsindex. Ein einfaches ESG-Label bedeutet also nicht automatisch dass der Fonds wirklich nachhaltig investiert. Wer das prüfen will sollte die nachhaltigkeitsbezogenen Veröffentlichungen des Fonds lesen und die tatsächlichen Positionen anschauen.
Was ist der Unterschied zwischen ESG und SRI?
ESG ist ein breiter Begriff ohne einheitliche Standards. SRI, Socially Responsible Investing, ist strenger: Nur die besten Unternehmen pro Branche kommen in den Index, ganze Sektoren wie Öl, Tabak oder Glücksspiel werden komplett ausgeschlossen. SRI-ETFs haben deutlich weniger Positionen als normale Weltindizes und filtern das Anlageuniversum erheblich.
Verlieren ESG ETFs gegenüber normalen ETFs an Rendite?
In den letzten fünf Jahren ja, zumindest im Vergleich zum MSCI World. Der hier analysierte Amundi MSCI World SRI Climate PAB ETF liegt auf fünf Jahre bei rund 55% Plus, ein normaler MSCI World bei rund 75%. Der Hauptgrund ist die geringere Gewichtung von Öl- und Gasunternehmen sowie die unterschiedliche Sektorzusammensetzung. Wer sich einschränkt lässt in bestimmten Marktphasen Rendite auf der Strecke. Das ist eine ehrliche Aussage die man kennen muss bevor man kauft.