Was ich von den Hippies in Goa über Geld gelernt habe

Ich war vor ein paar Wochen in Goa – zur Hochzeit meines Bruders. Seine Frau ist ein echter Nachkömmling der ersten Hippie-Generation. Ihre Mutter ist irgendwann in den 70ern nach Goa gegangen – damals noch mit dem Auto, als das noch ein Abenteuer war das Monate dauerte. Sie ist nie mehr gegangen.

Sie lebt nicht mehr. Aber ihre Geschichte lebt weiter – in den Menschen die noch da sind, die alten Hippies die morgens um sieben auf der Tanzfläche stehen, Gras rauchen, LSD nehmen und so aussehen als hätten sie nie aufgehört. Ich habe einige von ihnen kennengelernt. Und ich habe mehr über Geld nachgedacht als erwartet.

Wie wenig man wirklich braucht

Manche dieser Menschen haben jahrelang ein paar Monate im Jahr in der Heimat gearbeitet – genug um den Rest des Jahres in Goa leben zu können. Heute bekommen sie eine mickrige Rente. Aber es reicht. Kein Stress, kein Statussymbol, kein Hamsterrad. Einfach leben.

Dann gibt es die anderen – die so gut wie nie gearbeitet haben. Sich mit dem Basteln und Verkaufen von Kettchen und anderem Krimskrams irgendwie über Wasser gehalten haben. Die stehen heute vor dem Nichts. Aber es scheint sie nicht zu stressen. Sie haben über die Jahre gelernt dass sich immer irgendwie ein Weg findet. Ob das Weisheit ist oder Naivität – ich weiß es ehrlich gesagt nicht. Wahrscheinlich ein bisschen von beidem.

Ich will das nicht romantisieren. Aber es hat mich zum Nachdenken gebracht wie viel von dem was wir uns aufbürden wirklich notwendig ist – und wie viel davon wir uns selbst einreden.

Das neue Auto. Die größere Wohnung. Das nächste Gadget. Jeder Konsum erzeugt einen neuen Zwang. Wer mehr hat braucht mehr um es zu erhalten. Wer weniger braucht hat mehr Freiheit – nicht weil er arm ist sondern weil er bewusst wählt.

Die andere Seite

Dann gibt es die andere Geschichte. Ein Mann den ich traf – als seine Frau schwanger wurde ging er zurück nach Deutschland. Seinem Sohn eine anständige Ausbildung ermöglichen – etwas das laut seiner eigenen Aussage viele dort erfolgreich verdrängen. Er hat es nicht verdrängt. Er hat die Verantwortung angenommen. In Deutschland baute er sich etwas auf – einen Silberschmuckhandel, ein Busunternehmen. Heute ist er wieder in Goa. Sein Sohn auch.

Das ist keine Geschichte von Scheitern. Das ist eine Geschichte von Prioritäten. Und von einer Entscheidung die er bewusst getroffen hat – auch wenn sie ihm damals nicht leicht fiel.

Kapitalist mit offenem Blick

Ich bin überzeugter Kapitalist. Ich glaube an Leistung, an Investitionen, an den Aufbau von Vermögen. Ich sehe aber auch die Schattenseiten des Systems – die Ungleichheit, den Druck, die Mechanismen die Menschen in Abhängigkeiten treiben. Ich kenne bis dato kein besseres System. Aber das bedeutet nicht dass man es nicht kritisch betrachten darf.

Und diese Menschen in Goa haben mich eines gelehrt: Das Hamsterrad ist oft freiwillig. Wir steigen ein weil alle einsteigen. Weil Konsum Identität geworden ist. Weil Stillstand sich falsch anfühlt. Dabei ist manchmal das Innehalten die klügste Entscheidung.

Die with Zero – und wann ist genug genug?

Es gibt ein Buch das mich schon länger beschäftigt – „Die with Zero“ von Bill Perkins. Der Kern: Was nützt dir Vermögen das du nie ausgibst? Was nützen Erfahrungen die du dir immer wieder aufgeschoben hast? Das Leben hat Phasen – und manche Dinge kann man mit 70 nicht mehr nachholen.

Das bedeutet nicht alles zu verschwenden und nicht vorzusorgen. Es bedeutet bewusst zu entscheiden wann genug genug ist. Wann man aufhören kann zu sparen weil das Fundament steht. Genau das zeigt der Coast FIRE Rechner – ab wann dein Depot alleine weiterwächst ohne dass du noch einen Cent dazulegen musst.

Was ich mitnehme

Ich werde nicht nach Goa ziehen. Ich werde weiter investieren, weiter aufbauen, weiter vorsorgen. Aber ich nehme etwas mit von diesen Menschen: die Erinnerung daran dass Freiheit kein Kontostand ist. Dass weniger manchmal mehr ist. Und dass man ab und zu innehalten und fragen sollte – für wen renne ich eigentlich?

Dieser Artikel spiegelt meine persönliche Meinung und Erfahrungen wider. Keine Anlageberatung.

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