Die 4%-Regel: Gute Orientierung oder gefährlicher Mythos?

Du hast dein Leben lang gespart, investiert, auf Konsum verzichtet. Irgendwann willst du aufhören zu arbeiten – oder zumindest nicht mehr müssen. Und dann taucht sie auf: die 4%-Regel. Die eine Zahl die angeblich alles erklärt.

Aber stimmt das wirklich? Kann eine einzige Prozentzahl die Antwort auf eine der wichtigsten Fragen deines Lebens sein?

Ja und nein. Lass mich erklären warum.

Was steckt hinter der 4%-Regel?

Die Regel geht auf die sogenannte Trinity-Studie zurück, die 1998 von drei Professoren der Trinity University in Texas veröffentlicht wurde. Die Kernaussage: Wer jährlich maximal 4% seines Portfolios entnimmt, hat historisch gesehen über einen Zeitraum von 30 Jahren mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit nicht sein gesamtes Kapital aufgezehrt.

Konkret bedeutet das: Bei einem Depot von 500.000 € kannst du jährlich 20.000 € entnehmen – also rund 1.667 € im Monat – ohne dass dir das Geld statistisch gesehen ausgeht.

Das klingt simpel. Und das ist es auch. Was aber nicht bedeutet dass es falsch ist.

Warum die Regel nach wie vor eine gute Orientierung ist

Die 4%-Regel gibt dir einen Anhaltspunkt. Einen Startpunkt für die Frage: Wie viel Kapital brauche ich eigentlich? Ohne eine solche Faustformel würden die meisten Menschen entweder viel zu lange arbeiten oder viel zu früh aufhören.

Sie basiert auf echten historischen Daten aus einem Zeitraum der Weltkriege, Ölkrisen, Börsencrashs und Zinswenden einschließt. Das Depot hat es überlebt. Das ist nicht nichts.

Wo die Regel an ihre Grenzen stößt

Drei Probleme solltest du kennen.

Erstens: Die Studie wurde mit einem US-amerikanischen Portfolio aus 50% Aktien und 50% Anleihen berechnet. Wer heute ein reines Dividendenportfolio oder einen globalen ETF hält, hat eine andere Ausgangslage.

Zweitens: 30 Jahre. Wer mit 60 aufhört zu arbeiten und 90 wird, braucht 30 Jahre. Wer mit 50 aufhört, braucht 40. Die Erfolgswahrscheinlichkeit sinkt je länger der Zeitraum.

Drittens – und das ist der entscheidende Punkt: das Sequenzrisiko.

Das Sequenzrisiko: Der größte Feind der frühen Rente

Stell dir vor du gehst in Rente und im ersten Jahr deiner Entnahme bricht der Markt um 40% ein. Du entnimmst trotzdem deine 4% – aber jetzt von einem deutlich kleineren Depot. Du verkaufst also mehr Anteile als geplant. Das Depot erholt sich zwar irgendwann, aber du hast zu tief geschnitten. Der Schaden ist dauerhaft.

Das nennt sich Sequence-of-Returns-Risiko – und es ist der Grund warum die Reihenfolge der Renditen mindestens so wichtig ist wie die durchschnittliche Rendite selbst.

Die Lösung ist ehrlich gesagt unspektakulär: halte ein bis zwei Jahresausgaben als Cash-Puffer. Wenn der Markt einbricht, lebst du von deinem Puffer statt Anteile zu Tiefstkursen zu verkaufen. Du gibst dem Depot Zeit sich zu erholen. Das ist alles. Aber es ist alles.

Dividenden als stabilerer Einkommensstrom

Hier kommt ein Aspekt ins Spiel der in der klassischen 4%-Diskussion oft fehlt: Dividenden.

Wer statt Kursgewinnen auf Ausschüttungen setzt, muss keine Anteile verkaufen. Das Einkommen kommt – unabhängig davon ob der Kurs gerade oben oder unten steht. Und Dividenden sind historisch stabiler als Kurse. Laut einer Analyse der Allianz Global Investors ist nicht nur die Dividende selbst stabiler als die zugrundeliegenden Aktienkurse, sondern wiesen auch die Kurse von Dividendenzahlern im Durchschnitt weniger starke Schwankungen auf als die von Unternehmen ohne Ausschüttung – und das gilt für Europa, die USA und Asien gleichermaßen. Dia-vorsorge

Die Ökonomen der Deutschen Bank schreiben dazu: Dividenden sind „überraschend stabil“ – die Kursrendite sei vollständig den Marktbewegungen ausgeliefert, während Dividenden nach einem im Voraus festgelegten Auszahlungsplan ausgeschüttet werden. Deutsche Wirtschafts Nachrichten

Das bedeutet: Wer in der Entnahmephase überwiegend von Dividenden lebt, hat ein strukturell geringeres Sequenzrisiko. Kurseinbrüche treffen das Einkommen weniger direkt als bei einer reinen Entnahmestrategie.

Das ist kein Freifahrtschein – auch Dividenden können gekürzt werden, das hat die Finanzkrise 2008 gezeigt. Aber als Ergänzung zur 4%-Regel ist eine solide Dividendenbasis ein echter Stabilitätsfaktor.

Was bedeutet das für dich konkret?

Die 4%-Regel ist kein Mythos. Sie ist eine vernünftige Orientierung – nicht mehr und nicht weniger. Wer sie blind anwendet ohne Puffer und ohne Flexibilität, geht ein unnötiges Risiko ein. Wer sie als Ausgangspunkt nimmt, einen Cash-Puffer von ein bis zwei Jahresausgaben hält und zusätzlich auf Dividenden als stabileren Einkommensstrom setzt, hat eine solide Grundlage.

Ich persönlich plane meine finanzielle Freiheit nicht allein auf der 4%-Regel. Dividenden sind ein zentraler Bestandteil – genau weil ich nicht jedes Jahr Anteile verkaufen will wenn der Markt gerade im Keller ist.

Die Zahl 4% hilft dir zu verstehen wie viel Kapital du brauchst. Was du daraus machst, ist deine Entscheidung.

Wie viel Kapital brauchst du konkret?

Wenn du wissen willst wie viel Depot du aufbauen musst um finanziell frei zu sein – ich habe dafür einen kostenlosen Freiheits-Rechner gebaut. Trag deine monatlichen Ausgaben ein und du siehst sofort dein persönliches Zielkapital, aufgeteilt nach 3%, 4% und 5% Entnahmerate. Keine Registrierung, kein Newsletter-Zwang.

Keine Anlageberatung, keine Handlungsempfehlung. Alle Inhalte spiegeln meine persönliche Meinung wider. Du triffst Anlageentscheidungen eigenständig und eigenverantwortlich. Kapitalanlagen sind mit Risiken verbunden.

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